Syrien
Sehenswürdigkeiten
Der Westen
Der Hafen von Latakia ist ein Lebensnerv des Landes und ebenso geschäftig wie die aufstrebende, rund 370000 Einwohner zählende Stadt. Als die Franzosen 1920 den Libanon vom historischen Syrien abtrennten, verkleinerte sich der syrische Küstenstrich zu einem bloßen »Fenster«, und der neue Staat verlor gleichzeitig die Häfen Beirut und Tripoli. Es war also nur logisch, dass Latakia zur wichtigsten Hafenstadt des modernen Syrien aufstieg.
Einen Umweg lohnen bestimmte Ruinen aus der Römerzeit. Im Süden, etwa 500 m von der Moghrabi-Moschee entfernt, sind von einer römischen Kolonnade vier Säulen mit korinthischen Kapitellen erhalten, und ein wenig weiter sehen Sie ein unter Septimius Severus (193 - 211) errichtetes Tetrapylon (Tor mit vier Durchgängen), wo sich der cardo maximus und der cardo decamus kreuzten; diese beiden Straßen bildeten die Hauptachsen der Stadt.
Doch was Touristen in erster Linie nach Latakia lockt, sind die herrlichen Strände im Norden; der gep?egteste und schickste Strand an der kleinen syrischen »Côte d?Azur« ist Shatt el-Azraq. Von dort aus lohnt sich ein Abstecher zum Kap Ras Shamra, der Stätte des antiken Ugarit, eine der bedeutendsten phönizischen Städte. Hier wurden viele beschriebene Tontafeln gefunden, einige von ihnen trugen die erste alphabetische Schrift der Welt. (Die schönsten archäologischen Funde sind nun im Nationalmuseum von Aleppo zu sehen.)
Auch gegen Süden hin säumen Strände den 90 km langen Küstenstreifen bis nach Tartus. An dieser Stätte hatte schon früh das Christentum Fuß gefasst, und man pilgerte zur Verehrung einer Marien-Ikone hierher. Die Kreuzfahrer eroberten 1102 den Ort.
Die Ende des 12. und Anfang des 13. Jh. in romanisch-gotischem Stil errichtete Kathedrale beeindruckt auf den ersten Blick durch Nüchternheit und Wucht; wie jedes andere Gebäude der Franken musste auch sie als Wehrbau dienen.
Während der muslimischen Wiedereroberung wurde sie in eine Moschee umgewandelt, was sie zumindest vor der Zerstörung bewahrte. Im Innern birgt sie angeblich die Pforte der ursprünglichen byzantinischen Kapelle (4. Jh.), in der das Marienbildnis aufbewahrt wurde; von diesem Tor soll der Steinquader durchbrochen sein, auf dem die Mittelsäule der linken Kolonnade ruht. Heute ist in der Kathedrale ein Museum mit einer Sammlung an Fundstücken (u. a. aus Amrit) und interessanten völkerkundlichen Exponaten untergebracht.
Die Festung der Tempelritter in einem Winkel der Stadtmauer stammt aus der gleichen Epoche wie die Kathedrale, doch was davon übrig blieb, ging in der jetzigen Ortschaft auf.
Eine Burg wie aus dem Bilderbuch erwartet Sie 75 km südöstlich von Tartus: Der Krak des Chevaliers, im 13. Jh. fertiggestellt, kann tatsächlich als ein Musterbeispiel einer mittelalterlichen Wehranlage angesehen werden; dieser Krak, dessen seltsam klingender Name vom syrischen Wort karak (Festung) abgeleitet ist, vervollständigte im Norden die doppelte Verteidigungslinie der Kreuzritterstaaten; er überwachte von einer Anhöhe am Osthang des Dschebel Ansarijja die »Lücke« bei Homs und verhinderte jeden Einfall der Mohammedaner an der Küste. Das 1142 dem Orden der Johanniter anvertraute Bauwerk wurde im Jahre 1271 dennoch von der Armee des Mamelucken-Sultans Baibars eingenommen.
Der bemerkenswerteste Teil der vor 1170 entstandenen ersten Festung ist die 120 m lange Galerie, die einem Teil der Garnison als Unterkunft diente. Innerhalb der zweiten und dritten Mauern, die vom Ende des 12. Jh. bis 1271 standhielten, liegen die Grand?salle, der Versammlungssaal der Ritter, und die innere Verteidigungsanlage mit drei mächtigen Türmen; in der Mitte erhebt sich der Donjon (Bergfried). Die späteren arabischen Anbauten nach Bibars? Sieg umfassen an der Südseite einen viereckigen Turm zwischen zwei halbkreisförmigen Eckbauten.
Am Rand sei hier angefügt, dass der berühmte Lawrence von Arabien, der während des 1. Weltkriegs die große arabische Revolution anführte, den fränkischen Festungen eine illustrierte Abhandlung widmete, die auch Skizzen und Fotos des Krak enthielt.
Damaskus
Syriens Hauptstadt bezeichnet sich als die älteste Stadt der Erde. Sie gehört jedenfalls zu den Orten, die Pharao Thutmosis III. im 15. Jh. v. Chr. eroberte, und wird in der Bibel als Hauptstadt der Aramäer erwähnt, die Assyrien und Israel im 9. Jh. v. Chr. beherrschten. Ihre Lage am Rand der fruchtbaren, vom Barada-Fluss bewässerten Ghuta-Ebene machte sie im Laufe der Jahrhunderte zu einer berühmten Stätte. Heute ist sie eine moderne Großstadt, in deren Einzugsgebiet über 2,5 Millionen Einwohner leben.
In der Altstadt ?nden Sie die meisten Sehenswürdigkeiten. Die Stadtmauer aus dem 13. Jh. wurde auf der Umgrenzung errichtet, die einst die Römer angelegt hatten. Aus antiker Zeit (2. Jh. n. Chr.) ist übrigens das instand gesetzte Bab Sharqi (»Tor des Ostens«) erhalten.
Unweit der Zitadelle (Al-Qalaat), im 13. Jh. auf dem alten römischen castrum erbaut, entdecken Sie den Suk el-Hamidijeh, einen weiten überdachten Markt, der im 19. Jh. wieder eingerichtet wurde.
Von dort aus gelangen Sie zur Omaijaden-Moschee (Große Moschee); sie steht an der Stelle eines aramäischen Tempels, über dem später ein römischer Tempel zu Ehren Jupiters errichtet wurde. Mehr als tausend Arbeiter waren zwischen 705 und 715 mit ihrem Bau beschäftigt. Feuersbrünste zerstörten im Laufe der Jahrhunderte vieles, die letzte wütete 1893, aber die Moschee wurde immer wieder im ursprünglichen Stil restauriert. Die Mosaiken auf goldenem Grund in der Vorhalle unter dem Westportal (vor dem Eintreten bitte Schuhe ausziehen) stammen jedoch noch aus dem 8. Jh. Ein Schrein unter einer Kuppel im Hintergrund des Gebetssaals (kein Zutritt während des großen Freitagsgebets) birgt angeblich das Haupt von Johannes dem Täufer - Jahia für die Muslime. Herodes Antipas, Tetrarch (Herrscher über den vierten Teil) von Galiläa, schenkte es Salome, von deren Tanzkunst er hingerissen war?
Von den drei Minaretten wird das Isa-Minarett (Jesusminarett) nach islamischer Überlieferung die Rückkehr Christi auf Erden erleben, wenn er vor dem Jüngsten Gericht den Antichristen bekämpft. An der Nordseite des Gebäudes erhebt sich das Mausoleum des Salah ad-Din (Saladin), das 1193 erbaut und im 19. Jh. instand gesetzt wurde.
Unmittelbar südlich der Moschee steht der Azem-Palast, ein Kleinod damaszenischer Baukunst des 18. Jh.; Gestaltung und Ausstattung sind kennzeichnend für die Residenz eines orientalischen Würdenträgers. Heute ist darin das Museum für volkstümliche Künste und Traditionen untergebracht.
Wenn Sie in südlicher Richtung weitergehen, kommen Sie zum Suk Midhat Pascha; er liegt an der schon in der Apostelgeschichte erwähnten Geraden Straße (Via Recta). Im Haus des Judas wurde der vom Herrn geblendete Christenverfolger Saulus von Tarsus - der spätere Apostel Paulus - wieder sehend, nachdem Ananias ihm die Hände aufgelegt hatte. An der Stelle der unterirdischen Kirche St. Ananias soll sich das Haus des Heiligen befunden haben.
Das westlich der Altstadt gelegene Syrische Nationalmuseum bietet eine hervorragende Einführung zu Ihrer weiteren Reise. Seine Sammlungen reichen von der Frühzeit über die griechisch-römischen und byzantinischen Epochen bis zur islamischen Ära. Besonders erwähnenswert ist die Synagoge von Doura-Europos: Sie wurde von ihrem vormaligen Standort am Euphrat abgetragen und in einem der Flügel des Museums wieder zusammengesetzt.
Diese angeblich aus dem Jahre 165 stammende Kultstätte weist als wesentliches Merkmal verschiedene Fresken mit Szenen aus dem Alten Testament auf. Doch da die Juden ihre Andachtsstätten nie mit Abbildungen von Menschen oder Tieren ausgeschmückt haben, müssen sie wahrscheinlich heidnischer oder christlicher Herkunft sein.
Südlich von Damaskus
In Richtung Süden bieten sich zwei Strecken an: entweder zu den Golanhöhen im Südwesten oder aber zum Hauran im Südosten. Der Golan ist seit 1967 von Israel besetzt. Als Syrien die Stadt Qneitra wieder zurückerhielt, war diese völlig zerstört.
Wählen Sie also die Landstraße des Hauran, eine Gegend, die (nach der in Libanon stark vertretenen Drusengemeinde) auch Dschebel ed-Druz genannt wird. Von diesem Bergland aus nahm 1925 der syrische Aufstand gegen die Franzosen seinen Anfang.
Schahba hatte unter dem römischen Kaiser Philipp dem Araber (3. Jh.) eine gewisse Bedeutung. Zu den verschiedenen Überresten zählt vor allem eine zum Teil erhaltene gep?asterte Straße. (Sehr schöne Mosaiken sind im Museum von Suweida 15 km weiter südlich zu sehen.)
Für Bosra, das schon in der äyptischen Geschichtsschreibung genannt wird, sollten Sie sich etwas mehr Zeit nehmen. Die Römer machten es zur Hauptstadt ihrer Provinz Arabia und zu einem regen Zentrum von Verwaltung, Politik und Militärwesen. Um das römische Theater bauten die Araber im 13. Jh. eine Zitadelle, und dadurch blieb das ursprüngliche Bauwerk über Jahrhunderte hinweg fast unverändert erhalten. Zu den weiteren sehenswerten Überresten gehören die Hauptstraße (decumanus) und die Thermen.
Die Syrische Wüste
Rund 240 km nordöstlich von Damaskus ragen die Ruinen des einst so stolzen Palmyra aus dem Sand; sein arabischer Name Tadmour erinnert an die Stadt Tadmor des Königs Salomo, und Tontafeln aus dem 19. Jh. v. Chr. erwähnen bereits die »Palmenstadt«. Die Oase bildete eine wichtige Raststätte für die Karawanen, die zwischen dem Golf und dem Mittelmeer unterwegs waren. Palmyra erlebte seine höchste Blüte im 3. Jh. unter Königin Zenobia, einer legendären Figur, die sich durch ihre Ambitionen in Rom höchst unbeliebt machte und schließlich selbst den Untergang dieser prunkvollen Stadt verschuldete. Kaiser Aurelian rächte 273 das Massaker an 600 seiner Bogenschützen durch die Vernichtung der Palmyraner und die Plünderung ihrer Stadt.
Der Baal-Tempel, der älteste und bedeutendste von Palmyra, war einer babylonischen Gottheit (Bêl oder Baal) geweiht; die cella, der eigentliche Altarraum, ist mit sehr ungewöhnlichen Bildhauerwerken ausgeschmückt. Vom Tempel aus führt die bemerkenswert gut erhaltene große Säulenstraße zu einigen der schönsten Gebäude der antiken Stätte, wie etwa dem Nabu-Tempel und einem kleinen Theater.
Tal des Orontes
Die Araber nennen ihn Nahr el-Asi, den »aufrührerischen Fluss«, weil er sich als einziger in diesem Gebiet ohne Umschweife nach Norden wendet. Der Orontes entspringt am Berg Libanon und dringt bei Qadesh (heute Tell Nabi Mend) nach Syrien ein; an dieser Stelle kämpften Ägypter und Hethiter 1274 v. Chr. um die Herrschaft über die syrische Ebene.
Die Stadt Homs (das antike Emesa) hat dem Touristen kaum etwas zu bieten im Gegensatz zu Hama, dem biblischen Hamath, und sei es auch nur wegen der berühmten Norias. Diese riesigen hölzernen Schöpfräder dienten der Wasserversorgung der Stadt. Im Mittelalter gab es rund 30 davon, heute sind nur noch ungefähr ein Dutzend erhalten: ein paar im Ort selbst, die anderen über 1 km ?ussauf- und ?ussabwärts.
Den Orontes ?ussabwärts gelangen Sie zum antiken Apameia (heute Qalaat al-Mudiq), der einstigen Rivalin von Palmyra. Dank der Großzügigkeit eines syrischen Milliardärs konnte die Stätte restauriert werden; es war sogar möglich, einen Teil der Kolonnade wieder aufzurichten, die sich einst über 1850 m den cardo entlangzog.
Aleppo
Diese Stadt ist der Mittelpunkt des syrischen Nordens. Sie ist 340 km nordwestlich von Palmyra gelegen und auf der Straße über Homs zu erreichen. Der antike Ort, der in den Archiven von Mari als Hauptstadt eines mächtigen Staates erwähnt wurde, verlor im 17. Jh. v. Chr. während der Hethiter-Invasionen seine Bedeutung. In der Vergangenheit wurde die Stadt mehrmals von Erdbeben heimgesucht; bei demjenigen von 1822 kam die Hälfte der Einwohner ums Leben.
Das Nationalmuseum zählt wegen seiner archäologischen Schätze zu den bedeutendsten des Vorderen Orients; es birgt auch Funde aus Ugarit, aus Mari (einer der ältesten Städte der Erde) und Ebla. An seinem Eingang stehen die Statuen aus Basaltstein des Tempels von Tell Halaf.
Die anderen Sehenswürdigkeiten sind alle innerhalb der Stadtmauern zu ?nden. Zuerst sollten Sie jedoch die überdachten Suks besuchen (Mittwoch geschlossen), die sozusagen eine eigene Stadt innerhalb der Stadt bilden. Tageslicht fällt nur durch Öffnungen in den Deckengewölben, unter denen eine Stimmung wie in der Höhle von Ali Baba herrscht. Im Innern be?nden sich noch die alten Lagerräume der europäischen Händler: die Khans (oder Karawansereien) wie etwa der sehr schöne Khan al-Wazir mit seinem schwarzweiß gestreiften Portal. An der Innenfassade wird der aufmerksame Betrachter jene bauliche Besonderheit bemerken, die von Aleppos religiöser Geschichte zeugt: Das Fenster mit einem Kreuz links vom Portal stammt vermutlich von einem christlichen, das rechte von einem mohammedanischen Künstler.
Durch die Basare erreichen Sie die im Norden gelegene Große Moschee (Dschamia el-Kebir) aus der Anfangszeit des Islams.
Die mehr oder weniger gut erhaltenen Stätten in der Umgebung der Stadt sind als Tote Städte bekannt - und nur schwer und unter einigem Zeitaufwand zu erreichen. Immerhin sollten Sie versuchen, die Basilika des hl. Simeon (Qalaat Samaan) aus dem 5. Jh. zu besichtigen, die beinahe unversehrt ist. Sie steht genau an der Stelle jener Säule, auf der Simeon, der »Säulenheilige«, einen großen Teil seines Lebens verbrachte? Man kam von weit her, um den Worten des Asketen zu lauschen - der sich aber hartnäckig weigerte, in Gegenwart weiblicher Zuhörer zu sprechen.
Der Euphrat
Der Fluss, dessen Quelle in der Türkei liegt, zieht sich über mehr als 500 km durch Syrien. Der Al-Furat der Araber ist einer der vier Wasserläufe, die in Eden (edinu auf assyrisch und babylonisch) entspringen. In seinem Tal, einem der landwirtschaftlich reichsten Gebiete Syriens, gedeihen auch Getreide und Baumwolle.
An diesem Flusslauf wurde die mesopotamische Kultur, die älteste der Erde, geboren. Hier entstanden die ersten Stadtstaaten mit prachtvollen Palästen, und in dieser Kultur wurde die Keilschrift entwickelt. Deir ez-Zor ist an sich nicht besonders interessant, bildet aber einen hervorragenden Ausgangspunkt zu den Ausgrabungsstätten im Südosten, bei denen das nur ein paar Kilometer von der Grenze zum Irak entfernte Mari an erster Stelle steht. Hier wurde 1933 eine 5000 Jahre alte mesopotamische Stadt entdeckt. Bei den bisherigen Grabungsarbeiten - sie sind noch nicht beendet - wurden zahlreiche Gebäude freigelegt, darunter der riesige, labyrinthartig angelegte Palast des Königs Zimrilim, der schon vor mehr als vier Jahrtausenden hochberühmt war.
Auf dem Rückweg nach Deir ez-Zor können Sie auch in Doura-Europos einen Halt einlegen; dieser Ort aus hellenistischer Zeit (3. Jh. v. Chr.) wurde an der Stelle einer alten griechischen Kolonie errichtet. Seine günstige Lage auf einem Felssteilhang über dem Euphrat kam sowohl militärischen Zwecken als auch dem Handel zugute.
Unter den Überresten der antiken Stadt, die bis jetzt freigelegt wurden, sind zahllose Tempel und die Bruchstücke einer Wehrmauer zu sehen. Die Synagoge erhielt 1936 ihren neuen Standort im Nationalmuseum von Damaskus.
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